Wasseranomalien: Warum Wasser sich nicht an die Regeln hält

Wasseranomalien: Warum Wasser sich nicht an die Regeln hält

Direkte Antwort

Ja, Wasser hat tatsächlich ungewöhnlich viele physikalische Anomalien – von seinem Dichtemaximum bei 4 °C bis zur hohen Oberflächenspannung. Diese sind in der Fachliteratur gut dokumentiert, unter anderem in der vielzitierten Übersicht von Martin Chaplin (London South Bank University). Begriffe wie „hexagonales Wasser“, „Wassergedächtnis“ oder „Redox-Wasser“ gehen deutlich weiter: Sie gehören zur alternativen Wasserforschung, sind von der etablierten Naturwissenschaft nicht anerkannt oder bewiesen – aber auch nicht einfach widerlegt.

Wasser ist das am besten erforschte Molekül der Welt – und gleichzeitig eines der seltsamsten. Zwei Wasserstoffatome, ein Sauerstoffatom, nichts Exotisches. Und doch verhält sich H₂O in erstaunlich vielen Punkten anders, als man es von einer „normalen“ Flüssigkeit erwarten würde. Physiker:innen und Chemiker:innen nennen diese Abweichungen Wasseranomalien, und einige davon lernt jedes Schulkind (Eis schwimmt), andere sind selbst in der Fachwelt Gegenstand laufender Forschung.

Gleichzeitig ist „die besondere Natur des Wassers“ auch ein zentrales Thema der alternativen Wasserforschung: Begriffe wie hexagonales Wasser, Wassergedächtnis, „totes“ und „lebendiges“ Wasser oder Redox-Wasser tauchen dort regelmäßig auf – und werden dabei nicht selten mit den echten physikalischen Anomalien in einen Topf geworfen oder als „wissenschaftlich bewiesen“ dargestellt. Genau das ist irreführend, in beide Richtungen: Es unterschlägt, wie viel echte, harte Physik im Wasser steckt – und es verwischt die Grenze zu Konzepten, die (noch) nicht durch die etablierte Wissenschaft bestätigt sind.

Deshalb dieser Unterschied, klar benannt:

  • Ebene 1 – anerkannte Physik. Reale, in der Fachliteratur dokumentierte Anomalien des Wassers, jede mit nachprüfbarer Quelle.
  • Ebene 2 – die weniger greifbaren Konzepte. Ideen aus der (oft alternativen) Wasserforschung, ehrlich gekennzeichnet als das, was sie sind: eine diskutierte Position, nicht von der etablierten Naturwissenschaft anerkannt oder bewiesen – aber auch nicht als Unsinn abgetan.
Ebene 1 – anerkannte Physik

Die Anomalien des Wassers

Wie viele Wasseranomalien gibt es eigentlich? Eine allgemein anerkannte Gesamtzahl gibt es nicht – das hängt davon ab, wie eng oder weit man verwandte Phänomene zusammenfasst oder einzeln zählt. Genau das schreibt auch die vielleicht bekannteste Übersichtsquelle zum Thema, „Water Structure and Science“ des Biophysikers Martin Chaplin (London South Bank University, zuletzt aktualisiert 19.11.2020): Die „Anzahl“ der Anomalien hänge davon ab, welche man auswählt und ob man verwandte Phänomene zusammenfasst oder getrennt zählt. Wir übernehmen deshalb bewusst keine kursierende Zahl (im Netz finden sich unbelegte Angaben wie „63“ oder „70“), sondern zeigen Ihnen konkrete, tatsächlich dokumentierte Beispiele.

Der gemeinsame Grund für fast alle dieser Anomalien: Wasserstoffbrückenbindungen. Zwischen dem positiv geladenen Wasserstoff eines Moleküls und dem negativ geladenen Sauerstoff des nächsten bilden sich ständig neue, kurzlebige Bindungen. Dieses Netzwerk macht Wasser zu einem der ungewöhnlichsten Stoffe, die wir kennen.

Acht Anomalien, die Sie im Alltag wiedererkennen

  1. Das Dichtemaximum bei 4 °C. Anders als fast jede andere Flüssigkeit ist Wasser nicht am Gefrierpunkt am dichtesten, sondern bei rund 4 °C.

    Im Alltag: Im Winter sinkt das kälteste Wasser eines Sees nicht bis zum Grund – am Boden bleiben ca. 4 °C, während sich darüber kälteres Wasser sammelt. Fische überleben so unter geschlossenem Eis.
  2. Eis schwimmt, statt zu sinken. Beim Gefrieren dehnt sich Wasser aus – Eis ist rund 9 % leichter als flüssiges Wasser bei 0 °C. Bei fast jeder anderen Substanz ist die feste Form dichter als die flüssige.

    Im Alltag: Seen frieren von der Oberfläche her zu, nicht vom Boden aus. Ein Eiswürfel schwimmt obenauf, statt unterzugehen.
  3. Gegensätzliches Verhalten von kaltem und heißem Wasser. Kaltes und heißes Wasser reagieren auf Erwärmung bzw. Abkühlung teils gegensätzlich – etwa beim Ausdehnungsverhalten oder bei der Zusammendrückbarkeit.

    Im Alltag: Wasser unterhalb von 4 °C zieht sich beim weiteren Abkühlen nicht zusammen, sondern dehnt sich wieder aus – das Gegenteil dessen, was man erwarten würde.
  4. Außergewöhnlich hohe Wärmekapazität. Wasser braucht sehr viel Energie, um sich zu erwärmen oder abzukühlen – eine der höchsten Wärmekapazitäten aller bekannten Flüssigkeiten.

    Im Alltag: Küstenregionen haben mildere Temperaturschwankungen als das Landesinnere. Ein Gartenteich kühlt nachts viel langsamer aus als der Sand daneben.
  5. Hohe Verdunstungswärme. Damit Wasser verdunstet, muss ihm sehr viel Energie zugeführt werden.

    Im Alltag: Verdunstender Schweiß entzieht der Haut viel Wärme und kühlt uns effektiv – ein biologischer Trick auf Basis dieser Anomalie.
  6. Hohe Oberflächenspannung. Unter den gängigen Flüssigkeiten hat nur Quecksilber eine höhere Oberflächenspannung als Wasser.

    Im Alltag: Wasserläufer-Insekten laufen auf der Wasseroberfläche. Ein randvolles Glas lässt sich noch mit ein paar Tropfen „überfüllen“ – die Oberfläche wölbt sich sichtbar nach oben.
  7. Hohe Kohäsion und „Stick-Slip“-Verhalten. Wassermoleküle halten außergewöhnlich stark zusammen – Chaplin beschreibt Wasser als „das kohäsivste molekulare Material im Universum“ – und sind gleichzeitig extrem beweglich gegeneinander.

    Im Alltag: Ein Tropfen hält als kompakte Kugel zusammen, statt sich beim kleinsten Kontakt aufzulösen – und läuft trotzdem fast reibungslos über glatte Flächen.
  8. Ungewöhnlich hoher Siede- und Schmelzpunkt. Vergleicht man Wasser mit chemisch ähnlichen, aber schwereren oder leichteren Molekülen (z. B. Schwefelwasserstoff, H₂S), müsste es bei Zimmertemperatur eigentlich gasförmig sein.

    Im Alltag: Ohne diese Anomalie gäbe es auf der Erde keine flüssigen Ozeane und Seen – nur Wasserdampf.
Exkurs · Wissenschaft im Diskurs: Der Mpemba-Effekt

Der Mpemba-Effekt: die Beobachtung, dass heißes Wasser unter bestimmten Bedingungen schneller gefrieren kann als kaltes. Er zeigt sehr gut, wie „echte“ Wissenschaft mit Anomalien umgeht: Statt die Beobachtung unhinterfragt zu übernehmen, wird sie geprüft und infrage gestellt.

Eine vielbeachtete Studie von Burridge & Linden (2016, Scientific Reports) kam zu dem Schluss, dass sich der Effekt unter kontrollierten Laborbedingungen nicht zuverlässig reproduzieren ließ. Der Mpemba-Effekt gilt daher als umstritten – „ungewöhnlich“ bedeutet eben nicht automatisch „bewiesen“, selbst innerhalb der etablierten Physik.

Ebene 2 – alternative Wasserforschung

Was die alternative Wasserforschung diskutiert

Die folgenden Konzepte gehen über die oben beschriebene, anerkannte Physik hinaus: Es sind Positionen, die in Teilen der (oft alternativen) Wasserforschung diskutiert werden – nicht von der etablierten Naturwissenschaft anerkannt oder bewiesen, aber auch nicht schlicht „widerlegt“ oder unseriös. Nicht bewiesen heißt nicht widerlegt, und ein beobachteter Effekt kann real sein, auch wenn er sich nach heutigem Stand noch nicht vollständig erklären lässt – deshalb wird bei jedem Konzept unterschieden: Was ist gemessen, und was ist (noch) offene Deutung? Gesundheits- oder Wirkversprechen sind damit nicht verbunden.

Strukturiertes und informiertes Wasser („Wassergedächtnis“)

Die Idee: Wasser trage neben seiner chemischen Zusammensetzung auch eine physikalische „Struktur“ oder „Information“ in sich, organisiert in Molekül-Clustern – bekannt u. a. durch die Eiskristall-Fotografien von Masaru Emoto.

Einordnung: Dass sich zwischen Wassermolekülen Wasserstoffbrücken und Cluster bilden, ist reale Physik (Ebene 1) – nach klassischem Verständnis sind sie allerdings extrem kurzlebig, oft nur Bruchteile einer Sekunde. Ob und wie sich daraus ein länger anhaltendes „Gedächtnis“ ergeben könnte, ist bislang schwer erklärbar: Es fehlen reproduzierte, unabhängig bestätigte Experimente, die einen solchen Effekt zweifelsfrei zeigen. Das bedeutet nicht, dass nichts dran ist – nur, dass die Beweislage aktuell nicht ausreicht, um es als gesichert zu behandeln.

Mehr dazu: Was bedeutet strukturiertes und informiertes Wasser? →

Hexagonales Wasser

Die Idee: Wassermoleküle können sich zu einer besonders geordneten, sechseckigen Gitterstruktur zusammenfinden – ähnlich wie in Gletscher-Schmelzwasser beobachtet. Der Biophysiker Gerald Pollack (University of Washington) beschreibt dazu ein „EZ-Wasser“ genanntes Phänomen und bezeichnet es in „The Fourth Phase of Water“ (2013) als vierten Aggregatzustand.

Einordnung: Das von Pollack beschriebene EZ-Phänomen ist real beobachtet und in der Fachliteratur dokumentiert – hier gibt es also tatsächlich etwas Messbares. Bislang schwer erklärbar und in der Fachwelt umstritten ist Pollacks weitergehende Deutung: dass es sich um einen eigenen, biologisch besonders bedeutsamen vierten Aggregatzustand von Trinkwasser handelt. Diese Einordnung teilt die etablierte physikalische Chemie derzeit nicht – offen, aber eben (noch) nicht bestätigt.

Mehr dazu: Hexagonales Wasser herstellen →

„Totes“ und „lebendiges“ Wasser

Die Idee: Quellwasser mit natürlicher Wirbelbewegung sei energetisch „lebendig“ und geordnet, während Leitungswasser durch den Druck moderner Pumpen seine natürliche Dynamik verliere und „tot“ werde.

Einordnung: Dass Verwirbelung die Sauerstoffsättigung und damit z. B. den Geschmack von Wasser messbar verändert, ist unstrittig (Ebene 1). Der weitergehende Begriff eines „Nullpunktenergiepotenzials“, das durch Pumpendruck verloren gehe, lässt sich mit den heute etablierten Methoden der Wasserchemie bislang nicht messen oder erklären. Ob dahinter ein real existierender, nur noch nicht erfasster Effekt steckt oder ein rein energetisches Konzept – das bleibt offen und ist Teil der Diskussion in diesem Forschungsfeld.

Mehr dazu: Totes vs. lebendiges Wasser →

Levitiertes Wasser nach Hacheney

Die Idee: Ein vom Physiker Wilfried Hacheney patentiertes Verfahren zerteilt Wasser in feinste Tropfen, um seine Cluster-Struktur „aufzubrechen“ und neu zu ordnen.

Einordnung: Der mechanische Prozess selbst – Wasser in feinste Tropfen zu zerteilen – ist real und nachvollziehbar. Die daraus abgeleiteten Effekte auf „Struktur“ und „Informationsgehalt“ des Wassers lassen sich mit heutigen Messmethoden bislang nicht nachweisen und bleiben wissenschaftlich schwer erklärbar. Nach aktuellem Kenntnisstand sind mit dem Verfahren aber auch keine gesundheitlichen Risiken verbunden.

Mehr dazu: Was ist levitiertes Wasser nach Hacheney? →

Redoxpotenzial und „Redox-Wasser“

Die Idee: Das Redoxpotenzial (u. a. gemessen im rH2-Wert) ist eine reale, messbare elektrochemische Größe: wie leicht ein Stoff Elektronen abgibt oder aufnimmt – genutzt z. B. zur Kontrolle von Desinfektionsprozessen in der Wasseraufbereitung. Die weitergehende These: Ein niedriges Redoxpotenzial mache Trinkwasser („Redox-Wasser“, ionisiertes bzw. basisches Wasser) direkt gesünder.

Einordnung: Die Messgröße selbst ist unstrittig. Ob ein bestimmter rH2-Zielbereich Trinkwasser gesünder macht, ist eine offene These der alternativen Wasserforschung, die sich mit den heutigen Methoden der Trinkwasserforschung bislang nicht zeigen lässt.

Mehr dazu: Was ist Redox-Wasser? →

FRAGEN & ANTWORTEN

Häufige Fragen

Wie viele Wasseranomalien gibt es?

Es gibt keine allgemein anerkannte Gesamtzahl – das hängt davon ab, wie eng oder weit man verwandte Phänomene zusammenfasst. Gut belegt und leicht nachvollziehbar sind u. a. das Dichtemaximum bei 4 °C, das Schwimmen von Eis und die hohe Oberflächenspannung.

Ist hexagonales Wasser wissenschaftlich bewiesen?

Nicht im Sinne eines anerkannten wissenschaftlichen Konsenses. Das zugrundeliegende EZ-Wasser-Phänomen ist real beobachtet und beschrieben – seine Deutung als eigener, gesundheitlich bedeutsamer Wasserzustand bleibt bislang schwer erklärbar und wird von der etablierten physikalischen Chemie derzeit nicht geteilt.

Was ist der Unterschied zwischen einer Wasseranomalie und „Wasserbelebung“?

Wasseranomalien sind in der Fachliteratur dokumentierte physikalische Effekte (Ebene 1). Wasserbelebung, Wasserstruktur und ähnliche Konzepte sind Positionen der alternativen Wasserforschung (Ebene 2) – nicht bewiesen, aber auch nicht widerlegt.

Verändert ein Wasserfilter die „Struktur“ des Wassers?

Ein Aktivkohle- oder Umkehrosmosefilter verändert die chemische Zusammensetzung des Wassers, indem er Stoffe zurückhält. Das ist unabhängig von den hier beschriebenen Ebene-2-Konzepten zu betrachten, die von einer physikalischen Strukturveränderung ausgehen.

Ist es unseriös, sich für Wasserbelebung zu interessieren?

Nein. Es handelt sich um eine bewusste Positionierung innerhalb eines Forschungsfelds, das (noch) nicht durch die etablierte Naturwissenschaft bestätigt ist. Uns ist wichtig, dass Sie selbst nachvollziehen können, was belegt ist und was Diskussion ist.

Quellen & weiterführende Informationen

Darüber hinaus dokumentiert die Fachliteratur weitere, technischere Anomalien – etwa bei der Kompressibilität, der Schallgeschwindigkeit oder dem Brechungsindex von Wasser unter Druck. Wer tiefer einsteigen möchte, findet die vollständige, fortlaufend aktualisierte Liste bei Chaplin (Quelle 1) sowie eine kompakte physikalische Einordnung bei Debenedetti & Stanley, „Supercooled and Glassy Water“, Physics Today (Quelle 2).

  1. Chaplin, M. (2020): Water Structure and Science – Water Anomalies. London South Bank University, zuletzt aktualisiert 19.11.2020. water.lsbu.ac.uk
  2. Debenedetti, P. G. & Stanley, H. E. (2003): Supercooled and Glassy Water. Physics Today 56(6), S. 40 ff. DOI: 10.1063/1.1595053
  3. Burridge, J. M. & Linden, P. F. (2016): Questioning the Mpemba effect: hot water does not cool more quickly than cold. Scientific Reports 6, 37665. nature.com
  4. Pollack, G. H. (2013): The Fourth Phase of Water: Beyond Solid, Liquid, and Vapor. Ebner & Sons Publishers, ISBN 978-0-9626895-4-3.
  5. Pollack Laboratory, University of Washington: EZ Water – Research. pollacklab.org
  6. Emoto, M. (2004): The Hidden Messages in Water. Beyond Words Publishing (engl. Ausgabe).

(Quellen 4–6 werden ausschließlich zur Einordnung der Ebene-2-Positionen zitiert, nicht als Beleg für deren Wirksamkeit.)

Weiterführend im Blog

Vitalhelden Redaktion